Ein österreichischer Zoologe entschlüsselte, wie Bienen im Dunkeln der Bienenkiste den Ort einer Futterquelle mitteilen – und überlebte seine akademische Laufbahn im nationalsozialistischen Deutschland nur, weil das Regime seine Bienenforschung im Krieg plötzlich für unverzichtbar hielt. Karl von Frisch entschlüsselte den Schwänzeltanz der Honigbiene nicht nur beiläufig, sondern wies über Jahrzehnte hinweg systematisch nach, dass es sich um eine echte, funktionale Sprache handelt – eine Leistung, die 1973 mit dem Nobelpreis gewürdigt wurde und bis heute zu den meistzitierten Entdeckungen der Verhaltensforschung zählt.
Dieser Beitrag verfolgt von Frischs Weg vom Wiener Elternhaus über sein Institut in München bis zur Entschlüsselung der Bienensprache, seine prägende Kindheit am Wolfgangsee, die genaue – und selten präzise erzählte – Geschichte seiner Verfolgung und Rettung während der NS-Zeit, sowie den wissenschaftlichen Streit, der seiner Entdeckung folgte und sie am Ende bestätigte.
Das Wichtigste in Kürze
- Karl von Frisch (1886–1982) wies nach, dass Bienen die Richtung und Entfernung einer Futterquelle durch eine codierte Tanzbewegung auf der Wabe mitteilen, statt sie zufällig zu finden.
- Sein wissenschaftliches Zuhause war ab 1921 München, wo er 1931/32 mit Unterstützung der Rockefeller-Stiftung ein neues Zoologisches Institut aufbaute.
- 1940/41 wurde bekannt, dass seine Großmutter väterlicherseits jüdischer Herkunft war; die Universität erklärte ihn zum “Vierteljuden” und drohte mit Zwangspensionierung – gerettet wurde er nur, weil eine Nosema-Seuche die deutsche Bienenzucht bedrohte und seine Expertise kriegswichtig wurde.
- 1973 erhielt er gemeinsam mit Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Begründung der modernen Verhaltensforschung.
- Seine prägenden ersten Bienenbeobachtungen machte er bereits 1912/13 als junger Mann in Brunnwinkl am Wolfgangsee, dem Sommersitz seiner Familie im Salzkammergut.
Inhaltsverzeichnis
- Wer war Karl von Frisch?
- Kindheit am Wolfgangsee: Brunnwinkl
- Die frühere Entdeckung: Bienen sehen Farben
- Die Entschlüsselung des Schwänzeltanzes
- Der Rundtanz für nahe Futterquellen
- Die Methode: Beobachtungsstöcke aus Glas
- Das Zoologische Institut München
- Verfolgung im Nationalsozialismus: Die Nosema-Krise als Rettung
- Der Tanzsprache-Streit
- Der Nobelpreis von 1973
- Vermächtnis in der modernen Forschung
- Von Frisch im Vergleich zu seinen Mit-Nobelpreisträgern
- Häufig gestellte Fragen
Wer war Karl von Frisch?
Karl von Frisch wurde am 20. November 1886 in Wien geboren und starb am 12. Juni 1982 in München. Bereits als junger Student arbeitete er 1909 an der Biologischen Versuchsanstalt in Wien unter dem Zoologen Hans Przibram, wo er unter Anleitung seines Onkels, des Physiologen Sigmund Exner, zur neurophysiologischen Steuerung des Farbwechsels bei Fischen forschte – eine frühe Prägung durch ein Wiener Wissenschaftlermilieu, das für seine spätere Laufbahn entscheidend werden sollte. Von dort führte ihn sein Weg über Stationen in Rostock, Breslau und Graz schließlich 1921 nach München, wo er den weitaus größten Teil seiner wissenschaftlichen Karriere verbrachte.
Kindheit am Wolfgangsee: Brunnwinkl
Ein für deutschsprachige Leser besonders greifbarer Teil von Frischs Biografie ist sein Sommersitz Brunnwinkl am Wolfgangsee im Salzkammergut: Seine Familie mietete dort zunächst Zimmer in einer alten Wassermühle, verliebte sich in den Ort und erwarb ihn schließlich samt einem Stück Seeufer. Genau hier, fernab jedes universitären Labors, führte der junge von Frisch bereits 1912 und 1913 seine ersten eigenen Bienenexperimente durch – eine ruhige, naturnahe Umgebung, die er selbst später als prägend für seine Entwicklung als Biologe beschrieb. Von Frisch blieb Brunnwinkl zeitlebens verbunden und verfasste darüber sogar ein eigenes Buch, “Fünf Häuser am See”, lange nachdem er als Wissenschaftler weltberühmt geworden war.
Die frühere Entdeckung: Bienen sehen Farben
Noch bevor er sich der Bienenkommunikation zuwandte, gelang von Frisch eine ebenso grundlegende Entdeckung: Er wies experimentell nach, dass Honigbienen tatsächlich Farben wahrnehmen können, einschließlich für den Menschen unsichtbaren ultravioletten Lichts, statt – wie damals von Teilen der Fachwelt angenommen – lediglich Grautöne zu unterscheiden. Diese in den 1910er Jahren durchgeführte Forschung zur Farbwahrnehmung legte das methodische Fundament für seine spätere Tanzsprache-Forschung, da das Verständnis der bienlichen Wahrnehmung eine notwendige Voraussetzung war, um zu verstehen, wie Bienen über ihre Umwelt überhaupt kommunizieren können.
Die Entschlüsselung des Schwänzeltanzes
Von Frischs zentrale, namensgebende Entdeckung ist die Entschlüsselung des Schwänzeltanzes: jener charakteristischen Achterbewegung, die eine erfolgreiche Sammelbiene nach ihrer Rückkehr zur Wabe ausführt. Durch jahrelange, geduldige Beobachtung stellte er fest, dass dieser Tanz sowohl die Richtung als auch die Entfernung einer Futterquelle relativ zum Bienenstock und zum Sonnenstand codiert, sodass andere Sammlerinnen, die den Tanz beobachten, dieselbe Quelle gezielt anfliegen können, ohne sie je selbst gesehen zu haben. Für die damalige Zeit war dies eine geradezu radikale Erkenntnis: der Beleg, dass ein Insekt abstrakte räumliche Informationen symbolisch vermitteln kann – eine Fähigkeit, die man Insekten zuvor schlicht nicht zugetraut hatte.
Der Rundtanz für nahe Futterquellen
Neben dem Schwänzeltanz dokumentierte von Frisch ein zweites, einfacheres Tanzmuster für Futterquellen in unmittelbarer Nähe des Stocks: den Rundtanz, eine schlichte Kreisbewegung ohne die richtungsweisende Schwänzelkomponente des aufwendigeren Tanzes für entfernte Quellen. Beide Tanzformen korrekt zu unterscheiden und ihre jeweilige Information richtig zuzuordnen, war selbst ein bedeutender Teil seiner Entschlüsselungsarbeit und keineswegs nur eine Randnotiz zur berühmteren Schwänzeltanz-Entdeckung.
Die Methode: Beobachtungsstöcke aus Glas
Von Frischs Forschung war ohne eine methodische Innovation kaum denkbar: eigens gebaute Beobachtungsstöcke mit Glaswänden, die es erlaubten, einzelne markierte Bienen in Echtzeit beim Tanzen zu beobachten, ohne das normale Volksverhalten zu stören. Diese direkte, wiederholbare Beobachtung an vielen einzelnen Bienen und Futterplatz-Szenarien lieferte genau jene Menge an belastbaren empirischen Belegen, die seine anfangs höchst kontraintuitiven Schlussfolgerungen später so schwer angreifbar machte.
Das Zoologische Institut München
Ab 1921 in München tätig, gelang von Frisch dort 1931/32 mit finanzieller Unterstützung der amerikanischen Rockefeller-Stiftung der Aufbau eines neuen, eigenen Zoologischen Instituts, das für den Rest seiner Laufbahn das institutionelle Zentrum seiner Forschung blieb. Dass eine amerikanische Stiftung den Neubau eines zoologischen Instituts im Deutschland der Zwischenkriegszeit mitfinanzierte, zeigt, welch internationales wissenschaftliches Ansehen von Frisch zu diesem Zeitpunkt bereits genoss – lange bevor seine bekannteste Entdeckung, die vollständige Entschlüsselung der Tanzsprache, überhaupt veröffentlicht war.
Verfolgung im Nationalsozialismus: Die Nosema-Krise als Rettung
Ein zu selten präzise erzählter, aber zentraler Teil von Frischs Biografie betrifft seine Verfolgung während der NS-Zeit. 1940 wurde bekannt, dass seine Großmutter väterlicherseits jüdischer Herkunft war; 1941 erklärte ihn der Münchener Universitätsrektor offiziell zum “Vierteljuden” nach der NS-Rassenklassifikation, verbunden mit der Ankündigung, ihn zwangsweise in den Ruhestand zu versetzen. Was seine Stellung am Institut faktisch rettete, war ein völlig unabhängiges Ereignis: 1940/41 dezimierte die parasitäre Bienenkrankheit Nosema apis hunderttausende Bienenvölker in Deutschland und bedrohte damit, in einer ohnehin angespannten Kriegsernährungslage, einen wirtschaftlich und agrarpolitisch bedeutsamen Sektor. Die NS-Behörden beauftragten daraufhin ausgerechnet den als “Vierteljude” eingestuften Bienenexperten von Frisch mit der Erforschung der Seuche, finanziert vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, und holten ihn dafür an sein Institut zurück. Diese Episode – ein Regime, das rassenideologische Verfolgung der eigenen wirtschaftlichen Kriegsnotwendigkeit unterordnete, wenn es opportun erschien – ist inzwischen auch in der wissenschaftshistorischen Fachliteratur eingehend dokumentiert und macht deutlich, wie prekär und zugleich zufällig von Frischs Verbleib im Amt tatsächlich war, keineswegs Ausdruck eines grundsätzlichen Schutzes.
Der Tanzsprache-Streit
Redlicherweise muss man festhalten: Von Frischs Deutung der Tanzsprache blieb nicht unwidersprochen. Ab den 1960er Jahren argumentierte der Forscher Adrian Wenner mit Kollegen, Bienen orientierten sich beim Auffinden von Futterquellen in erster Linie an Duftstoffen und nicht an der im Tanz codierten räumlichen Information, was eine reale, jahrelange wissenschaftliche Kontroverse auslöste. Dieser “Tanzsprache-Streit” wurde später weitgehend zugunsten von Frischs ursprünglicher Deutung aufgelöst, unter anderem durch Experimente mit tanzenden Roboterbienen von James L. Gould und schließlich durch die direkte Flugbahnverfolgung realer Bienen mittels Radartechnik, die bestätigte, dass Bienen die im Tanz codierte Richtungsinformation tatsächlich nutzen und sich nicht allein auf Duftstoffe verlassen. Diese ehrliche wissenschaftliche Auseinandersetzung zeigt, dass sich von Frischs Entdeckung unter echter fachlicher Prüfung bewährt hat, statt unkritisch übernommen worden zu sein.
Der Nobelpreis von 1973
1973 teilte sich von Frisch den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin mit Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen, verliehen für ihre gemeinsamen Entdeckungen zur Organisation und Auslösung individuellen und sozialen Verhaltens bei Tieren. Von Frischs konkret gewürdigter Beitrag betraf seine Forschung zur Bienenkommunikation, womit sein Werk zum Schwänzeltanz zu den vergleichsweise seltenen Fällen zählt, in denen eine primär an Insekten gewonnene Entdeckung diese höchste wissenschaftliche Anerkennung erhielt.
Vermächtnis in der modernen Forschung
Von Frischs bedeutendster Schüler, Martin Lindauer, wurde ihm bereits 1938 in Graz als Assistent zugeteilt, folgte ihm 1950 nach München und führte dessen Forschungslinie so eigenständig und produktiv fort, dass er selbst zu einer prägenden Figur der Verhaltensbiologie wurde – unter anderem durch seine eigenen Studien an wildlebenden Riesenhonigbienen in Sri Lanka. Von 1973 bis 1987 hatte Lindauer den Lehrstuhl für Tierphysiologie an der Universität Würzburg inne, jener Universität, an der später auch die moderne Bienenforschung um Jürgen Tautz eine akademische Heimat fand – eine direkte, durchgehende Traditionslinie von von Frisch über Lindauer bis in die heutige deutsche Bienenbiologie. Darüber hinaus wirkt von Frischs Entdeckung der Tanzsprache bis heute weit über die klassische Insektenkunde hinaus, etwa in der Erforschung von Schwarmintelligenz und dezentraler Robotik, wo Ingenieure das Kommunikationsmuster der Bienen als Modell dafür untersuchen, wie einfache Einheiten räumliche Informationen effizient innerhalb einer dezentralen Gruppe teilen können. Diese fortwirkende Relevanz weit außerhalb der klassischen Zoologie ist ein echtes Zeichen dafür, wie grundlegend sich seine ursprüngliche Entdeckung im Nachhinein erwiesen hat.
Von Frisch im Vergleich zu seinen Mit-Nobelpreisträgern
| Wissenschaftler | Zentrale Entdeckung | Untersuchtes Tier |
|---|---|---|
| Karl von Frisch | Tanzsprache, Farbensehen | Honigbienen |
| Konrad Lorenz | Prägungsverhalten | Vögel (insbesondere Gänse) |
| Nikolaas Tinbergen | Instinktverhalten, Methodik der Ethologie | Verschiedene Tiere, u.a. Möwen und Fische |
Häufig gestellte Fragen
Was hat Karl von Frisch bei Bienen entdeckt?
Er wies nach, dass Sammelbienen die Richtung und Entfernung einer Futterquelle durch eine codierte Tanzbewegung auf der Wabe mitteilen, statt sie einzeln zufällig zu finden.
Wo forschte Karl von Frisch die meiste Zeit seiner Karriere?
Am Zoologischen Institut der Universität München, das er ab 1921 aufbaute und 1931/32 mit Unterstützung der Rockefeller-Stiftung neu errichtete.
Wie wurde von Frisch während der NS-Zeit verfolgt, und wie überlebte er beruflich?
1941 wurde er als “Vierteljude” eingestuft und sollte zwangspensioniert werden; gerettet wurde seine Position durch die Nosema-Seuche, die 1940/41 deutsche Bienenvölker bedrohte und seine Expertise für die Kriegsernährungswirtschaft unverzichtbar machte.
Wann und wofür erhielt von Frisch den Nobelpreis?
1973, gemeinsam mit Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen, für ihre grundlegenden Beiträge zur Verhaltensforschung.
Wurde von Frischs Tanzsprache-Theorie wissenschaftlich angezweifelt?
Ja, ab den 1960er Jahren argumentierte Adrian Wenner, Bienen orientierten sich hauptsächlich an Duftstoffen; spätere Radar-Flugbahnverfolgung bestätigte jedoch, dass die im Tanz codierte Richtungsinformation tatsächlich genutzt wird.
Welche Rolle spielte Brunnwinkl am Wolfgangsee in von Frischs Werdegang?
Dort, im Sommersitz seiner Familie im Salzkammergut, führte er bereits 1912/13 seine ersten eigenen Bienenexperimente durch – eine nach eigener Aussage prägende Umgebung für seine spätere Entwicklung als Biologe.
Was entdeckte von Frisch vor seiner Tanzsprache-Forschung?
Er wies bereits in den 1910er Jahren nach, dass Honigbienen Farben, einschließlich ultravioletten Lichts, tatsächlich wahrnehmen können.
Ist die Tanzsprache-Entdeckung heute noch wissenschaftlich anerkannt?
Ja, trotz der Kontroverse des 20. Jahrhunderts gilt von Frischs Kernentdeckung heute als gut belegte, breit anerkannte Grundlage der Verhaltensbiologie.
FAQ
Was hat Karl von Frisch bei Bienen entdeckt?
Dass Bienen Richtung und Entfernung einer Futterquelle durch einen codierten Tanz mitteilen.
Wo forschte er die meiste Zeit?
Am Zoologischen Institut München, ab 1921 aufgebaut, 1931/32 mit Rockefeller-Mitteln neu errichtet.
Wie überlebte er die NS-Verfolgung beruflich?
Als “Vierteljude” eingestuft, aber durch die Nosema-Bienenseuche 1940/41 kriegswichtig geworden.
Wann erhielt er den Nobelpreis?
1973, mit Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen.
Wurde seine Theorie angezweifelt?
Ja, ab den 1960ern, aber spätere Radarverfolgung bestätigte sie.




