Ein gescheiterter Lehramtsanwärter aus einem armen pfälzischen Bauerndorf löste 1857 ein Problem, an dem die Bienenzucht seit Jahrhunderten scheiterte: wie man Bienen dazu bringt, ihre Waben genau dort zu bauen, wo der Imker es will. Johannes Mehring, gelernter Schreinermeister aus Kleinniedesheim in der Pfalz, erfand die Mittelwand – jene dünne, mit dem Sechseckmuster der Wabenzellen geprägte Wachsplatte, die bis heute in praktisch jeder Beute weltweit steckt. Ohne sie wäre auch Langstroths bewegliche Rähmchenbeute von 1852 nur die halbe Lösung geblieben.
Dieser Beitrag verfolgt Mehrings ungewöhnlichen Lebensweg vom Schreinerlehrling zum Bienenzuchtpionier, die genaue – und differenziertere, als meist erzählt – Geschichte seiner Erfindung von 1857/58, seine zweite, heute fast vergessene große Idee vom Bienenvolk als Superorganismus, und die Ehrungen, die er dafür erhielt.
Das Wichtigste in Kürze
- Johannes Mehring (1815–1878), gelernter Schreinermeister aus Kleinniedesheim in der Pfalz, baute erst 1849 im Alter von 34 Jahren sein erstes eigenes Bienenvolk auf.
- 1857 griff er einen Vorschlag des Imkers Andreas Schmid auf, nur die Mittelwand einer Zelle vorzuprägen, und baute dafür die erste funktionierende Handpresse mit handgeschnitzten Holzmodeln.
- 1858 stellte er die ersten fertig ausgebauten Kunstwaben auf der Stuttgarter Wanderversammlung deutscher Imker öffentlich vor.
- Weit weniger bekannt: 1869 formulierte Mehring in seinem “Einwesensystem” die Idee des Bienenvolks als zusammenhängender Superorganismus (“der Bien”) – ein Konzept, das die moderne Bienenbiologie bis heute verwendet.
- Für seine Verdienste erhielt er die Große Silberne Medaille des Münchener Landwirtschaftsvereins, eine preußische Ehrenmedaille und sogar eine französische Silbermedaille.
Inhaltsverzeichnis
- Wer war Johannes Mehring?
- Was ist eine Mittelwand?
- Die Erfindung von 1857: Mehring und Andreas Schmid
- Die Stuttgarter Wanderversammlung von 1858
- Warum diese Erfindung neben der Langstroth-Beute so wichtig war
- Arbeiterinnen- und Drohnenzellen gezielt steuern
- Vom Handpressstock zum industriellen Walzwerk
- Drahtmittelwand für die Honigschleuder
- Mehrings zweite große Idee: der Bien als Superorganismus
- Ehrungen für Mehrings Lebenswerk
- Mittelwand heute: Wachs, Kunststoff oder fundamentlos
- Wachs-, Kunststoff- und fundamentlose Rähmchen im Vergleich
- Häufig gestellte Fragen
Wer war Johannes Mehring?
Johannes Mehring wurde am 4. Juli 1815 in Kleinniedesheim in der Pfalz als Kind armer Bauern geboren und starb am 24. November 1878 im nahen Frankenthal. Nach der Dorfschule begann er zunächst eine Ausbildung an einem Lehrerseminar, brach diese jedoch ab; seine Eltern schickten ihn stattdessen nach Worms in die Lehre bei einem Schreinermeister. Nach abgeschlossener Lehre und mehrjähriger Wanderschaft als Geselle kehrte er als Schreinermeister nach Kleinniedesheim zurück, heiratete 1845 die Lehrerstochter Barbara Wehe und gründete später eine eigene Schreinerei in Frankenthal. Erst 1849, im Alter von 34 Jahren, legte er sich sein erstes eigenes Bienenvolk zu – ein bemerkenswert später Einstieg für einen Mann, dessen Name die Imkerei bis heute prägt.
Was ist eine Mittelwand?
Eine Mittelwand ist eine dünne Platte aus Bienenwachs, in die das sechseckige Muster des Wabenbodens eingeprägt ist. In ein Rähmchen eingelötet, dient sie den Bienen als Bauvorlage: Statt völlig frei zu bauen, ziehen sie das vorgegebene Muster zu vollständigen Zellen aus und errichten so gerade, exakt im Rähmchen ausgerichtete Waben, anstatt unregelmäßiger Naturwaben, die mehrere Rähmchen miteinander verbinden könnten.
Die Erfindung von 1857: Mehring und Andreas Schmid
Die übliche Kurzfassung – “Mehring erfand 1857 die Mittelwand” – lässt einen wichtigen Zwischenschritt aus, der eine genauere Würdigung verdient. Den entscheidenden Denkanstoß lieferte 1857 der Imker Andreas Schmid mit dem Vorschlag, für künstliche Waben nur die Mittelwand jeder Zelle vorzuprägen, anstatt die vollständige Zelle samt Seitenwänden nachbilden zu wollen. Mehring, der in jenem Jahr selbst erstmals als Autor in einer Bienenzeitung auftrat, erkannte die praktische Tragweite dieser Idee und setzte sie tatsächlich um: Er schnitzte von Hand hölzerne Model mit dem Wabenmuster der Arbeiterinnenzellen und goss beziehungsweise presste damit dünne Wachsplatten. Es ist also präziser, von einer Erfindung in zwei Schritten zu sprechen – Schmids Idee und Mehrings handwerkliche Umsetzung zu einem tatsächlich funktionierenden Werkzeug – als Mehring allein die gesamte Konzeption zuzuschreiben, wie es verkürzte Darstellungen oft tun.
Die Stuttgarter Wanderversammlung von 1858
Erst ein Jahr später, 1858, präsentierte Mehring auf der Stuttgarter Wanderversammlung deutscher Bienenzüchter die ersten vollständig ausgebauten Kunstwaben aus seiner Presse öffentlich – ein Moment, der von den anwesenden Fachkollegen als Durchbruch für eine rationellere, planbarere Bienenzucht wahrgenommen wurde. Diese jährlichen Wanderversammlungen waren im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts die zentrale Bühne, auf der neue Geräte und Methoden erstmals einem breiteren Fachpublikum vorgestellt wurden, ähnlich einer heutigen Fachmesse, nur getragen von einzelnen reisenden Imkern statt von Ausstellerfirmen.
Warum diese Erfindung neben der Langstroth-Beute so wichtig war
Langstroths bewegliche Rähmchen lösten das Mobilitätsproblem nur auf dem Papier: Ohne eine Möglichkeit, den Bienen vorzugeben, wo genau sie ihre Waben bauen sollten, bauten diese ihre Waben nach wie vor gerne schräg oder über mehrere Rähmchen hinweg, was die Entnahme einzelner Rähmchen ohne Beschädigung praktisch unmöglich machte. Die Mittelwand löste dieses Problem unmittelbar, indem sie zuverlässig gerade, sauber im Rähmchen enthaltene Waben erzwang. Erst die Kombination aus beweglichem Rähmchen und Mittelwand machte die regelmäßige Völkerkontrolle, die Seuchenüberwachung und die zerstörungsfreie Honigernte im heute selbstverständlichen Umfang überhaupt praktikabel.
Arbeiterinnen- und Drohnenzellen gezielt steuern
Über die reine Ausrichtung der Wabe hinaus verschaffte die Mittelwand Imkern ein weiteres, bis dahin unerreichbares Werkzeug: die gezielte Steuerung des Verhältnisses von Arbeiterinnen- zu Drohnenzellen im Volk. Eine mit Arbeiterinnenzellmaß geprägte Mittelwand ermutigt die Bienen deutlich stärker dazu, kleinere Arbeiterinnenzellen statt der größeren Drohnenzellen zu bauen, was Imkern erlaubt, die Zusammensetzung ihres Volkes bewusster zu lenken, als es dem freien Wabenbau allein möglich wäre. Diese Steuerung bleibt allerdings relativ, nicht absolut: Ein besonders drohnenfreudiges Volk kann die geprägte Zelltiefe an Randbereichen durchaus noch verändern oder zusätzliche Wildbauflächen am Rähmchenrand anlegen.
Vom Handpressstock zum industriellen Walzwerk
Mehrings ursprüngliche Presse funktionierte im Grunde wie ein Stempel, der das Sechseckmuster Platte für Platte von Hand in eine Wachsscheibe drückte. In den folgenden Jahrzehnten wurde dieses Verfahren erheblich weiterentwickelt: Walzwerke, die geprägte Wachsplatten kontinuierlich in deutlich größerem Maßstab herstellen konnten, lösten den Handpressstock ab und machten die Mittelwand zu einem erschwinglichen, industriell gefertigten Standardprodukt statt einer langsam von Hand hergestellten Rarität. In den USA trieb insbesondere die Firma A.I. Root diese Industrialisierung und kommerzielle Verbreitung entscheidend voran; im deutschsprachigen Raum übernahmen spezialisierte Imkereibedarfsbetriebe und Wachsmühlen diese Rolle über die folgenden Jahrzehnte.
Drahtmittelwand für die Honigschleuder
Eine reine Wachsmittelwand ohne jede Verstärkung stößt an ihre Grenzen, sobald die Wabe in eine Schleuder gespannt wird: Gerade frisch ausgebaute oder noch dünne Waben können der Fliehkraft der Honigschleuder nicht immer standhalten und reißen aus dem Rähmchen. Als Antwort darauf entwickelte die Imkereibedarfsindustrie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die drahtverstärkte Mittelwand: feine Metalldrähte werden entweder vor dem Einlöten quer durch das Rähmchen gespannt und die Wachsplatte anschließend mit ihnen verschmolzen, oder direkt beim Walzen in die Wachsplatte eingearbeitet. Diese Verstärkung wurde schnell zum Standard für Brutraum- und Honigraumrähmchen, die wiederholt geschleudert werden sollen, während unverstärkte, dünnere Mittelwände weiterhin gezielt für die Rähmchen mit Wabenhonig eingesetzt werden, der samt Wachs verzehrt wird und daher keine Schleuderfestigkeit benötigt, sondern eher eine besonders zarte, dünne Struktur.
Mehrings zweite große Idee: der Bien als Superorganismus
Weit weniger bekannt als seine Wachspresse ist Mehrings zweite, eigenständige intellektuelle Leistung: 1869 veröffentlichte er sein “Einwesensystem”, in dem er argumentierte, dass die einzelnen Bienen, ihre Waben und das Volk als Ganzes tatsächlich eine einzige zusammenhängende, lebendige Einheit bilden – einen Organismus, den er als “Bien” bezeichnete, in bewusster sprachlicher Abgrenzung zur einzelnen “Biene”. Diese Idee gilt heute als eine der ersten Formulierungen dessen, was die moderne Biologie als Superorganismus bezeichnet – ein Konzept, das gewöhnlich erst mit dem amerikanischen Entomologen William Morton Wheeler im frühen 20. Jahrhundert in Verbindung gebracht wird, obwohl Mehring den Grundgedanken für die Honigbiene bereits Jahrzehnte zuvor formuliert hatte. Der Begriff “Bien” hat sich im deutschsprachigen Imkereiwesen bis heute erhalten und wird etwa von der modernen Bienenbiologie um den Würzburger Zoologen Jürgen Tautz weiterhin verwendet, um genau jene ganzheitliche Betrachtungsweise des Volkes zu beschreiben, die Mehring erstmals systematisch formuliert hatte. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet der praktische Erfinder der Mittelwand auch zu den frühesten Denkern zählt, die das Bienenvolk theoretisch als einheitliches Lebewesen begriffen haben – zwei völlig unterschiedliche Arten von Beitrag aus derselben Feder.
Ehrungen für Mehrings Lebenswerk
Für seine Verdienste um die Bienenzucht wurde Mehring mit mehreren bedeutenden Auszeichnungen geehrt: der Großen Silbernen Medaille des Landwirtschaftlichen Vereins in München, einer Ehrenmedaille des preußischen Staates sowie – bemerkenswert für einen deutschen Handwerker-Erfinder – einer Silbermedaille aus Frankreich, ein früher Beleg dafür, dass sich seine Erfindung schon zu seinen Lebzeiten weit über die Pfalz und den deutschsprachigen Raum hinaus verbreitet hatte.
Mittelwand heute: Wachs, Kunststoff oder fundamentlos
Heute stehen Imkern neben der klassischen Wachsmittelwand auch geprägte Kunststoff-Mittelwände sowie die fundamentlose Betriebsweise offen, bei der Bienen ganz ohne Vorprägung frei bauen. Die Wachsmittelwand bleibt bei vielen Imkern beliebt, weil sie zu hundert Prozent aus Naturmaterial besteht und von den Bienen in der Regel bereitwillig angenommen wird, während Kunststoff-Mittelwände eine höhere mechanische Haltbarkeit bieten. Das physikalische Grundprinzip ist jedoch bei allen Varianten dasselbe geblieben, das Mehring vor mehr als anderthalb Jahrhunderten entwickelte: den Bienen ein Muster vorzugeben, dem sie folgen, statt sie völlig frei bauen zu lassen.
Wachs-, Kunststoff- und fundamentlose Rähmchen im Vergleich
| Merkmal | Wachsmittelwand | Kunststoff-Mittelwand | Fundamentlos |
|---|---|---|---|
| Material | Reines Bienenwachs | Kunststoff, meist wachsbeschichtet | Keine Vorprägung |
| Haltbarkeit | Geringer | Höher | Nicht zutreffend |
| Annahme durch Bienen | In der Regel hoch | Unterschiedlich | Natürlich, aber ungelenkt |
| Steuerung der Zellgröße | Ja | Ja | Nein, Bienen entscheiden frei |
Häufig gestellte Fragen
Wer hat die Mittelwand erfunden und wann?
Der Schreinermeister und Imker Johannes Mehring entwickelte 1857 die erste funktionierende Presse, aufbauend auf einem Vorschlag des Imkers Andreas Schmid aus demselben Jahr; 1858 stellte er die ersten fertigen Kunstwaben auf der Stuttgarter Wanderversammlung vor.
Wozu dient eine Mittelwand?
Sie gibt den Bienen ein vorgeprägtes Wabenmuster vor, dem sie beim Bau folgen, wodurch gerade, im Rähmchen enthaltene Waben statt unregelmäßiger, rähmchenübergreifender Naturwaben entstehen.
Kann eine Mittelwand steuern, welche Zellart die Bienen bauen?
Ja, ein auf Arbeiterinnenzellmaß geprägtes Muster ermutigt die Bienen deutlich stärker, kleinere Arbeiterinnenzellen statt größerer Drohnenzellen zu bauen, auch wenn diese Steuerung nicht absolut ist.
Was ist der “Bien”, von dem Mehring sprach?
Mehrings Begriff für das Bienenvolk als zusammenhängenden Superorganismus, formuliert 1869 in seinem “Einwesensystem” – ein Konzept, das die moderne Bienenbiologie bis heute in ähnlicher Form verwendet.
Wird Wachsmittelwand heute noch verwendet?
Ja, sie wird nach wie vor breit eingesetzt, auch wenn Kunststoff-Mittelwände und die fundamentlose Betriebsweise inzwischen ebenfalls verbreitete Alternativen sind, je nach den Zielen der jeweiligen Imkerin oder des Imkers.
Woher stammte Johannes Mehring, und was war sein Beruf, bevor er Imker wurde?
Er stammte aus dem pfälzischen Dorf Kleinniedesheim, absolvierte eine Schreinerlehre in Worms und arbeitete als Schreinermeister, bevor er sich 1849 im Alter von 34 Jahren erstmals der Bienenzucht zuwandte.
Erhielt Mehring für seine Erfindung Auszeichnungen?
Ja, unter anderem die Große Silberne Medaille des Landwirtschaftlichen Vereins München, eine preußische Ehrenmedaille und eine französische Silbermedaille.
Ist Kunststoff-Mittelwand der Wachsmittelwand grundsätzlich überlegen?
Nicht eindeutig – Kunststoff bietet höhere Haltbarkeit, während Wachs als reines Naturmaterial oft bereitwilliger angenommen wird; die Wahl bleibt eine Abwägung je nach den Prioritäten der Imkerin oder des Imkers, nicht eine eindeutig entschiedene Frage.
FAQ
Wer hat die Mittelwand erfunden und wann?
Johannes Mehring, 1857, aufbauend auf einer Idee von Andreas Schmid; öffentlich vorgestellt 1858 in Stuttgart.
Wozu dient eine Mittelwand?
Sie gibt den Bienen ein Wabenmuster vor, damit gerade, rähmchengerechte Waben entstehen.
Kann eine Mittelwand die Zellart steuern?
Ja, sie begünstigt Arbeiterinnenzellen gegenüber Drohnenzellen, aber nicht absolut.
Was ist der “Bien”?
Mehrings Begriff für das Bienenvolk als Superorganismus, formuliert 1869.
Wird Wachsmittelwand heute noch verwendet?
Ja, neben Kunststoff-Mittelwänden und der fundamentlosen Betriebsweise.




