Die Sonnenkugel: Günther Manckes Weißenseifener Hängekorb

Ein deutscher Bildhauer, der einst gemeinsam mit Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, verbrachte Jahrzehnte damit, eine einzige Frage zu beantworten: Wie müsste eine Bienenwohnung aussehen, wenn Form und Wesen des Bienenvolkes tatsächlich zusammenfänden? Das Ergebnis, der Weißenseifener Hängekorb – international als “Sun Hive” bekannt –, verzichtet bewusst auf jede rechtwinklige Kiste und ahmt stattdessen die eiförmige Gestalt nach, die wilde Bienenvölker von sich aus bevorzugen.

Dieser Beitrag verfolgt Günther Manckes Weg vom Kunststudenten zum Bienenkugel-Erfinder, die genaue Herkunft des Namens “Weißenseifener Hängekorb”, die Verbindung zur deutschen Vereinigung Mellifera e.V. und ihrer Gründungsgeschichte, sowie Aufbau, Philosophie und praktische Grenzen dieser ungewöhnlichen Bienenwohnung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Weißenseifener Hängekorb (“Sun Hive”) wurde vom deutschen Bildhauer Günther Mancke (1925–2020) entwickelt und ist nach der Künstlerkolonie Weißenseifen in der Eifel benannt, die er selbst mitbegründete.
  • Mancke studierte an der Kunstakademie Düsseldorf unter Ewald Mataré – zu seinen Kommilitonen zählte auch Joseph Beuys.
  • Die eiförmige Form des Hängekorbs orientiert sich bewusst an den runden Strohkörben traditioneller Heideimker statt an rechtwinkligen Kistenbeuten.
  • Mancke gab seine Bauanleitungen und Modellierkurse regelmäßig am Lehr- und Versuchsbienenstand Fischermühle des Vereins Mellifera e.V. weiter, der 1986 als Reaktion auf das massive Bienensterben durch die neu eingeschleppte Varroamilbe gegründet wurde.
  • Der Hängekorb dient primär dem Schutz und Wohlergehen des Bienenvolkes; regelmäßige, große Honigernten sind ausdrücklich nicht sein Hauptzweck.

Inhaltsverzeichnis

Günther Mancke: vom Bildhauer zum Bienenkugel-Erfinder

Günther Mancke wurde am 2. Mai 1925 in Düsseldorf geboren und starb am 30. September 2020 in Weißenseifen. Nach Schulzeit und Kriegsjahren studierte er Grafik und Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Ewald Mataré – in derselben Klasse wie unter anderem Joseph Beuys, der später zu einem der einflussreichsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts werden sollte. Nach dem Krieg zog Mancke mit einigen Studienkollegen in die Eifel und gründete inmitten unberührter Waldlandschaft eine Künstlerkolonie im Ort Weißenseifen, die später um ein heilpädagogisches Heim erweitert wurde. Als Bildhauer beschäftigte sich Mancke über Jahre mit der Frage, wie eine Bienenwohnung gestaltet sein müsste, damit Form und Wesen des Bienenvolkes tatsächlich zusammenfinden – die runden Strohkörbe traditioneller Heideimker erschienen ihm dem Leben eines Bienenvolkes deutlich angemessener als rechtwinklige Kistenbeuten.

Woher der Name “Weißenseifener Hängekorb” stammt

Durch intensiven Austausch mit Imkern, eigene Beobachtungen wildlebender Honigbienen und zahlreiche Modellierversuche entwickelte Mancke über Jahre hinweg seine eigene Bienenwohnung, die genau seinen gestalterischen und biologischen Ansprüchen entsprach. Diese Bienenwohnung – eine kugelige, korbartige Konstruktion – wurde nach seiner eigenen Künstlerkolonie Weißenseifener Hängekorb benannt und zu einem der bedeutendsten Lebenswerke Manckes. International setzte sich später vor allem die englische Bezeichnung “Sun Hive” durch, popularisiert unter anderem durch den britischen Natural Beekeeping Trust.

Aufbau und Konstruktion

Der Hängekorb besteht im Kern aus zwei Teilen: einem oberen Korb (Oberkorb), der die neun bogenförmigen Wabenträger aufnimmt, an denen die Bienen ihre Waben frei aufhängen und ausbauen, und einem unteren, rahmenlosen Korb, in dem die Waben frei nach unten weitergebaut werden. Gefertigt wird die Konstruktion traditionell aus Roggenstroh in Kombination mit einer hölzernen Tragstruktur, ergänzt durch eine maßgefertigte Stoffhaube, die verhindert, dass Bienen an unerwünschten Stellen bauen, und die Propolisierung fördert. Ein charakteristischer Einflugtrichter dient zugleich als dekoratives Anflugbrett und ist so gestaltet, dass er verschiedenen Witterungsbedingungen standhält.

Die Philosophie: bienengemäße statt imkergemäße Bauform

Der Hängekorb ist mehr als nur eine ungewöhnliche Bauform – er verkörpert eine bewusst “bienenzentrierte” statt “imkerzentrierte” Philosophie der Bienenhaltung, bei der das Wohlergehen des Volkes als Bestäuber im Vordergrund steht und die Honigproduktion zur Nebensache wird. Die Königin kann sich im gesamten Hängekorb frei bewegen und ihre Eier dort ablegen, wo es dem Volk am sinnvollsten erscheint – auf ein Absperrgitter, das diese Freiheit einschränken würde, wird bewusst verzichtet, selbst wenn dies gelegentlich mit dem Wunsch nach reiner Honigraumtrennung in Konflikt gerät. Die breitere Bewegung der “wesensgemäßen Bienenhaltung”, in deren Tradition Manckes Werk steht, geht philosophisch auf eine 1923 von Rudolf Steiner in Dornach gehaltene Vortragsreihe über das Wesen der Bienen zurück, in der Steiner Vorgänge im Bienenvolk in esoterischer Deutung beschrieb und vor einer schleichenden Schwächung der Bienenpopulation durch künstliche Königinnenzucht warnte – eine These, der moderne Bienenforscher wie Peter Rosenkranz von der Universität Hohenheim inzwischen widersprechen. 1986 formalisierte die “Vereinigung für wesensgemäße Bienenhaltung e.V.”, aus der später Mellifera e.V. hervorging, diese Denktradition zu einer eigenen Betriebsweise, die seit 1995 auch offizieller Bestandteil der Demeter-Richtlinien für biologisch-dynamische Bienenhaltung ist.

Mellifera e.V. und die Fischermühle

Mancke gab seine Bauanleitungen und Modellierkurse für den Hängekorb wiederholt am Lehr- und Versuchsbienenstand Fischermühle weiter, der zum Verein Mellifera e.V. gehört. Mellifera e.V., mit Sitz im baden-württembergischen Rosenfeld, wurde 1986 als Vereinigung für wesensgemäße Bienenhaltung gegründet – eine direkte Reaktion auf das massive Bienensterben, das durch die damals neu aus Asien eingeschleppte Varroamilbe verursacht wurde. Der Demeter-zertifizierte Lehr- und Versuchsbienenstand Fischermühle entwickelt und erprobt bis heute nachhaltige Konzepte für Bienenhaltung und Imkerei; der Verein zählt inzwischen rund 2.000 Mitglieder, 59 regionale Gruppen und etwa 5.000 sogenannte Bienenpaten. Dass ausgerechnet dieser Verein, entstanden aus der Krisenerfahrung des Varroa-bedingten Bienensterbens, zur zentralen Vermittlungsstelle für Manckes Hängekorb wurde, verbindet die Geschichte dieser ungewöhnlichen Bienenwohnung direkt mit einem der einschneidendsten Ereignisse der jüngeren deutschen Imkereigeschichte.

Vorteile des Hängekorbs

  • Natürliche Form: Die eiförmige Bauweise entspricht stärker den natürlichen Nistvorlieben von Honigbienen als rechtwinklige Kistenbeuten.
  • Wärmedämmung: Die Strohkonstruktion bietet eine bessere Isolierung und hält das Volk in kälteren Monaten wärmer als dünnwandige Holzbeuten.
  • Nachhaltigkeit: Aus reinen Naturmaterialien gefertigt, ist der Hängekorb umweltfreundlich und biologisch abbaubar.

Honigertrag und Grenzen der Methode

Da der Hängekorb in erster Linie dem Wohlergehen des Bienenvolkes dient, ist regelmäßige, große Honigernte ausdrücklich nicht sein Hauptzweck; gelegentlicher Honigüberschuss ist möglich, aber kein verlässliches Betriebsziel. Zwar kann bei entsprechendem Honigfluss ein Honigraum aufgesetzt werden, doch der Verzicht auf ein Absperrgitter – aus Prinzip der ungehinderten Königinnenbewegung – erschwert eine saubere Trennung von Brut- und Honigraum, wie sie in konventionellen Betriebsweisen üblich ist. Imker, die auf verlässliche, große Erntemengen angewiesen sind, werden mit dieser Betriebsweise entsprechend wenig Erfolg haben – sie richtet sich ausdrücklich an ein anderes Zielpublikum.

Einen eigenen Hängekorb bauen

Wer einen eigenen Hängekorb bauen möchte, findet detaillierte Anleitungen in Manckes eigenem Buch sowie in den regelmäßig angebotenen Workshops, unter anderem an der Fischermühle. Der Bau folgt dabei grundsätzlich vier Arbeitsschritten: zunächst die Anfertigung der neun bogenförmigen Wabenträger aus Holz, die später als Grundlage für den freien Wabenbau dienen; anschließend das Zuschneiden einer maßgefertigten Stoffhaube, die unerwünschten Wildbau verhindert und die Propolisierung anregt; danach der eigentliche Bau von Ober- und Unterkorb aus Roggenstroh nach festen Schablonen, um eine passgenaue Form zu gewährleisten; und schließlich die Gestaltung des Einflugtrichters, der zugleich als wetterfestes Anflugbrett dient. Wer sich diesen Nachbau zutraut, sollte einkalkulieren, dass die Anfertigung – anders als der Kauf einer fertigen Holzbeute – deutlich mehr handwerkliches Geschick und Zeit erfordert, was den Hängekorb bis heute eher zu einem Projekt engagierter Einzelpersonen als zu einem kommerziell verfügbaren Massenprodukt macht.

Standort- und Wetterschutz

Bei der Aufstellung eines Hängekorbs sind Standort und Wetterschutz entscheidend: Traditionelle Strohkörbe wurden häufig in Mauernischen untergebracht oder mit einer schützenden Mörtelschicht verputzt. Heutige Anwender schützen den Hängekorb stattdessen häufig mit sogenannten Hutzen aus Schilf- oder Weizenstrohbündeln vor Witterungseinflüssen. Empfohlen wird zudem eine Installation in mindestens 2,5 Metern Höhe, damit sich die Bienen im für sie natürlichen Luftraum bewegen, oberhalb des Wegs von Passanten.

Internationale Verbreitung

Obwohl in Deutschland entstanden, fand der Hängekorb besonders in Großbritannien über den Natural Beekeeping Trust breite Verbreitung und wird inzwischen auch in weiteren Teilen Europas sowie in Nordamerika von Anhängern naturnaher Bienenhaltung nachgebaut. Wie bei jeder für ein bestimmtes Klima entwickelten Bauform gilt jedoch: Jahreszeitliche Unterschiede, Trachtverlauf und Luftfeuchtigkeit variieren stark je nach Region, weshalb die Eignung des Hängekorbs außerhalb gemäßigter europäischer Klimazonen weiterhin diskutiert wird.

Hängekorb, Langstroth-Beute und traditioneller Strohkorb im Vergleich

MerkmalWeißenseifener HängekorbLangstroth-BeuteTraditioneller Strohkorb
MaterialRoggenstroh, HolzträgerMeist Holz oder KunststoffStroh oder Weide
WabenbauFrei, an Bögen hängendMittelwand in RähmchenVollständig frei
KontrollierbarkeitEingeschränkt möglichVollständig, Rähmchen entnehmbarKaum möglich ohne Zerstörung
HauptzielBienenwohl, gelegentlicher HonigüberschussEffiziente Honigproduktion und VölkerkontrolleHistorisch: reine Honiggewinnung

Manckes Spätwerk und fortdauernder Einfluss

Auch im hohen Alter blieb Mancke der Verbindung von bildender Kunst und Bienenthematik treu: Noch Jahrzehnte nach der Entwicklung des Hängekorbs wirkte er an künstlerischen Projekten mit, die Biene und Mensch in einen gestalterischen Dialog setzten, etwa unter dem Titel “Sun Hive – Zwischen Sonne und Erde”. Nach seinem Tod im September 2020 würdigten sowohl die anthroposophische Zeitschrift Das Goetheanum als auch Mellifera e.V. in eigenen Nachrufen sein Lebenswerk als eigenständigen Beitrag zur Debatte über artgerechte, dem Wesen des Bienenvolkes entsprechende Bienenhaltung – eine Debatte, die mit der wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit für Bienensterben und Pestizidbelastung seit den 2000er-Jahren nur an Bedeutung gewonnen hat.

Häufig gestellte Fragen

Wer erfand den Weißenseifener Hängekorb?

Der deutsche Bildhauer Günther Mancke (1925–2020), der über Jahre mit Imkern zusammenarbeitete und wilde Bienenvölker beobachtete, um eine der natürlichen Wabenform von Bienen entsprechende Bauform zu entwickeln.

Woher stammt der Name “Weißenseifener Hängekorb”?

Von der Künstlerkolonie Weißenseifen in der Eifel, die Mancke nach dem Krieg mitbegründete und in der er die Bienenwohnung entwickelte.

Aus welchem Material besteht der Hängekorb?

Traditionell aus Roggenstroh in Kombination mit einer hölzernen Tragstruktur und einer maßgefertigten Stoffhaube.

Welche Rolle spielt Mellifera e.V. beim Hängekorb?

Mancke gab seine Bauanleitungen wiederholt am Lehr- und Versuchsbienenstand Fischermühle des Vereins weiter; Mellifera e.V. wurde 1986 als Reaktion auf das Varroa-bedingte Bienensterben gegründet.

Kann man mit dem Hängekorb regelmäßig Honig ernten?

Nur eingeschränkt – der Hängekorb dient primär dem Wohlergehen des Volkes, nicht der Honigproduktion; große, regelmäßige Ernten sind nicht sein Zweck.

Studierte Mancke wirklich zusammen mit Joseph Beuys?

Ja, beide studierten an der Kunstakademie Düsseldorf in der Klasse von Ewald Mataré.

Ist der Hängekorb außerhalb Deutschlands verbreitet?

Ja, besonders in Großbritannien über den Natural Beekeeping Trust, zunehmend auch in anderen Teilen Europas und Nordamerikas.

FAQ

Wer erfand den Hängekorb?

Der deutsche Bildhauer Günther Mancke (1925-2020).

Woher der Name?

Von der Künstlerkolonie Weißenseifen in der Eifel.

Material?

Roggenstroh mit hölzerner Tragstruktur.

Rolle von Mellifera e.V.?

Vermittelt Manckes Bauweise, gegründet 1986 nach dem Varroa-Bienensterben.

Regelmäßige Honigernte möglich?

Nur eingeschränkt, da primär auf Bienenwohl statt Ertrag ausgelegt.

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