Bienensymbolik im Kulturvergleich: Von Melissai bis zur Bienenkönigin der Brüder Grimm

In kaum einer anderen Kultur wurde die Biene so vielfältig zum Symbol wie im deutschsprachigen Raum – von einem Grimm’schen Märchen, in dem eine Bienenkönigin über eine verwunschene Prinzessin entscheidet, bis zu den goldenen Bienen eines merowingischen Königsgrabs, die ein französischer Kaiser später als sein persönliches Emblem beanspruchte. Nur wenige Insekten trugen in so vielen voneinander unabhängigen Kulturen ein derart hohes symbolisches Gewicht wie die Honigbiene.

Dieser Beitrag führt durch griechische Bienenpriesterinnen, päpstliche und napoleonische Bienenembleme sowie mormonisch-amerikanische und hinduistische Traditionen, bevor er sich ausführlich einem deutschen Beitrag widmet, der in den meisten Übersichtsartikeln komplett fehlt: dem Grimm’schen Märchen “Die Bienenkönigin”.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die “Melissai” der griechischen Religion waren Priesterinnen, deren Name direkt vom griechischen Wort für Biene abgeleitet ist.
  • Napoleon wählte die Biene bewusst als kaiserliches Emblem, unter anderem gestützt auf goldene Bienenornamente aus dem 1653 entdeckten Grab des merowingischen Königs Childerich I.
  • Das Grimm’sche Märchen “Die Bienenkönigin” (KHM 62) erschien erstmals 1819 in der zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen und geht auf eine noch ältere Vorlage von Albert Ludwig Grimm zurück, der mit den Brüdern Grimm nicht verwandt war.
  • Der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim deutete die drei Tiere im Märchen – Ameisen, Enten, Bienen – symbolisch als Erde, Wasser und Luft.
  • Das Bienenstock-Symbol taucht unabhängig voneinander auch in mormonisch-amerikanischer (“Deseret”, Utahs Staatssymbol) und hinduistischer Tradition (Bhramari Devi) auf.

Inhaltsverzeichnis

Die Melissai: Bienenpriesterinnen der griechischen Antike

In der griechischen Religion bezeichnete “Melissai” (von “melissa”, griechisch für Biene) Priesterinnen, die mit mehreren Göttinnen verbunden waren, darunter Demeter und Artemis; der Begriff wird in manchen antiken Quellen auch mit dem Orakel von Delphi in Verbindung gebracht. Die Biene besaß im griechischen Denken über diesen priesterlichen Titel hinaus eigenständiges symbolisches Gewicht, verknüpft mit Reinheit, Fleiß und in manchen Traditionen einer Verbindung zur Seele.

Die Barberini-Bienen: das Familienwappen eines Papstes

Papst Urban VIII., geboren als Maffeo Barberini und von 1623 bis 1644 Oberhaupt der katholischen Kirche, führte drei Bienen als heraldisches Familienwappen, das in ganz Rom auf Gebäuden, Brunnen und Kunstwerken seines Pontifikats erscheint, darunter prominent auf Gian Lorenzo Berninis Baldachin im Petersdom. Die Assoziation der Biene mit Fleiß, Ordnung und einer wohlorganisierten, hierarchischen Gemeinschaft machte sie zu einem passenden Emblem für eine Familie, deren Oberhaupt die ebenso hierarchisch organisierte katholische Kirche leitete. Die Barberini-Bienen zählen dabei zu den am besten dokumentierten und am weitesten sichtbaren Beispielen von Bienensymbolik in der westlichen Kunst- und Architekturgeschichte überhaupt, gerade weil sie bis heute physisch in Stein gemeißelt im gesamten historischen Zentrum Roms zu besichtigen sind, statt nur in Texten oder Museumsbeständen überliefert zu sein.

Napoleons Bienen und das merowingische Grab

Napoleon Bonaparte übernahm die Biene als kaiserliches Emblem, angeblich inspiriert von goldenen Bienenornamenten, die 1653 bei der Ausgrabung des Grabes von Childerich I., einem merowingischen König des 5. Jahrhunderts, entdeckt wurden und die Napoleons Hof als Beleg für ein antikes französisches Königssymbol interpretierte, an das er legitim anzuknüpfen beanspruchte. Die Wahl diente bewusst auch dazu, sich von der Lilie der Bourbonen-Monarchie abzugrenzen – ein Fall, in dem Symbolik erkennbar politischem Nutzen diente, nicht bloß ästhetischer Vorliebe.

Die Bienenkönigin: das Grimm’sche Märchen

Was in praktisch jeder englischsprachigen Übersicht zur Bienensymbolik komplett fehlt, verdient hier die ausführliche Erzählung: “Die Bienenkönigin” (KHM 62) erzählt von einem als “Dummling” verspotteten jüngsten von drei Königssöhnen, der auf der Suche nach seinen älteren, zu Spott und Übermut neigenden Brüdern einen Ameisenhaufen, eine Entenschar und ein Bienenvolk vor der Zerstörung durch seine Brüder bewahrt. Als die drei später in einem verwunschenen Schloss drei unlösbar erscheinende Aufgaben bestehen müssen, helfen ausgerechnet die zuvor verschonten Tiere dem Dummling: Die Ameisen sammeln verstreute Perlen, die Enten bergen einen versunkenen Schlüssel, und die Bienen identifizieren unter drei äußerlich identischen, schlafenden Prinzessinnen die jüngste allein am Geschmack von Honig auf ihren Lippen. Der Dummling löst damit den Bann des Schlosses, heiratet die jüngste Prinzessin, und seine Brüder erhalten deren ältere Schwestern zur Frau.

Bettelheims psychoanalytische Deutung

Das Märchen erschien erstmals 1819 in der zweiten Auflage von Jacob und Wilhelm Grimms Kinder- und Hausmärchen als Nummer 62 der Sammlung. Der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim bot in seiner bekannten, wenn auch nicht unumstrittenen Deutung eine symbolische Lesart an: Die beiden älteren, rücksichtslosen Brüder repräsentierten triebhaftes, ungezügeltes Verhalten, während der Dummling als Vermittler zwischen den Ansprüchen des Über-Ichs und der eigenen tierischen Natur fungiere; die drei geretteten Tiere selbst – Ameisen, Enten, Bienen – stünden dabei symbolisch für die drei Elemente Erde, Wasser und Luft. Eine andere, anthroposophisch geprägte Lesart betont stattdessen, der Dummling zeige die “richtige Ehrfurcht und Weisheit des Herzens”, indem er von nichtmenschlichen Wesen lerne statt sie zu missachten – eine Interpretation, die sich thematisch mit der ebenfalls anthroposophisch verwurzelten Philosophie hinter der an anderer Stelle auf dieser Seite behandelten Sonnenkugel Günther Manckes berührt.

Östliche Wurzeln eines scheinbar deutschen Märchens

Es lohnt sich, ehrlich zu bleiben, statt das Märchen vorschnell als rein deutsches Kulturgut zu vereinnahmen: “Die Bienenkönigin” geht auf eine ältere Vorlage des mit den Brüdern Grimm nicht verwandten Albert Ludwig Grimm zurück, der sie 1808 in seinen “Kindermärchen” veröffentlichte und die von Jacob und Wilhelm Grimm anschließend deutlich gekürzt und vereinfacht wurde. Das zugrunde liegende Erzählmotiv der “dankbaren Tiere”, die einem gütigen Helden bei unlösbar erscheinenden Aufgaben zur Seite stehen, findet sich zudem in persischen, ungarischen, niederländischen und jüdischen Erzähltraditionen wieder, etwa im sogenannten Papageienbuch und in den Novellen Straparolas. Die eigentliche literarische Leistung der Brüder Grimm liegt also nicht in der Erfindung des Motivs, sondern in seiner spezifischen, bis heute kanonischen deutschsprachigen Fassung – ein Unterschied, den saubere Kulturgeschichte klar benennen sollte, statt ihn zu verwischen.

Deseret: das mormonische Bienenstock-Symbol

Der Bienenstock wurde im Amerika des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Symbol der Later-day-Saint-Kultur, verbunden mit dem im Buch Mormon verwendeten Begriff “Deseret” für Honigbiene, der als Name für einen frühen Bundesstaat im Utah-Territorium vorgeschlagen wurde. Das Symbol stand ausdrücklich für Fleiß, Zusammenarbeit und gemeinschaftliches Handeln und ist bis heute Utahs offizielles Staatssymbol, das auf Flagge und Siegel des Bundesstaates erscheint.

Bhramari Devi in der hinduistischen Tradition

In der hinduistischen Tradition ist Bhramari Devi eine mit Bienen assoziierte Göttin, deren Name vom Sanskrit-Wort “bhramar” für schwarze Biene abgeleitet ist; sie wird in manchen Überlieferungen so beschrieben, dass sie Schwärme von Bienen, Wespen und Hornissen gegen einen Dämon aufrief – eine eigenständige symbolische Tradition, unabhängig von den europäischen Fäden dieses Beitrags entwickelt.

Der Bienenstock in der Freimaurerei

Auch in der Freimaurerei ist der Bienenstock ein anerkanntes Symbol, verstanden als Sinnbild für Fleiß und kooperatives Wirken der Mitglieder auf ein gemeinsames Ziel hin – dieselbe Symbolik der “wohlgeordneten Gemeinschaft”, die sich durch mehrere der hier behandelten Traditionen zieht. Dass Freimaurerlogen, die Barberini-Päpste und die mormonische Deseret-Bewegung dieses Bild jeweils unabhängig voneinander für ihre eigenen institutionellen Zwecke entwickelten, verstärkt die These, dass es sich um eine naheliegende, wiederholt unabhängig entdeckte Metapher handelt statt um eine von einer Kultur zur nächsten weitergereichte Idee.

Warum ausgerechnet Bienen?

Der wiederkehrende rote Faden durch diese ansonsten unverbundenen Traditionen ist die sichtbar organisierte, kooperative, hierarchische Sozialstruktur der Bienen – eine unter Insekten ungewöhnliche Eigenschaft, die den Bienenstock zu einer naheliegenden Metapher für wohlgeordnete menschliche Institutionen machte, gleich ob religiös, politisch oder zivilgesellschaftlich. Dass derart viele voneinander unabhängige Kulturen unabhängig zu demselben Symbol griffen, spricht eher für eine gemeinsame biologische Beobachtung als für kulturelle Beeinflussung untereinander.

Bienensymbolik in der Gegenwart

Die hier beschriebene Symbolik ist keineswegs nur historisches Kuriosum: Auch heute greifen Unternehmen, Organisationen und städtische Marken bei der Suche nach einem Bild für Fleiß, Zusammenarbeit und Produktivität regelmäßig auf Bienen- und Bienenstock-Motive zurück – eine unmittelbare Fortsetzung derselben symbolischen Logik, die schon die Barberini-Päpste, Napoleon, die mormonische Deseret-Bewegung und die Freimaurerei jeweils für ihre eigenen Zwecke nutzten. Manchester etwa nahm die Biene 1842 offiziell in sein Stadtwappen auf, als Sinnbild für die geschäftige Industriestadt der viktorianischen Ära. Nach dem Terroranschlag auf die Manchester Arena 2017 erlebte genau dieses Symbol eine bemerkenswerte Wiederbelebung als Zeichen städtischen Zusammenhalts: Tätowierstudios in ganz Großbritannien boten Bienen-Tattoos zugunsten der Opfer an, und 2018 zierten fünfzig individuell gestaltete Bienenskulpturen im Rahmen der Kunstaktion “Bee in the City” die Stadt. Ein modernes Beispiel dafür, wie schnell sich ein jahrhundertealtes Symbol neu auflädt, sobald eine Gemeinschaft ein Zeichen für Solidarität braucht.

Bienensymbolik im Kulturvergleich

TraditionKernbedeutungBekanntestes Beispiel
Griechische AntikeReinheit, Seele, priesterlicher DienstMelissai-Priesterinnen der Demeter/Artemis
Katholisch/päpstlichFleiß, hierarchische OrdnungBarberini-Bienen unter Urban VIII.
Deutsches MärchenMitgefühl, Weisheit, Belohnung“Die Bienenkönigin” (KHM 62)
Napoleonisches FrankreichKaiserliche Legitimität, FleißNapoleons kaiserliches Bienenemblem
Mormonisch/UtahZusammenarbeit, Pionierfleiß“Deseret”-Bienenstock, Utahs Staatssymbol
HinduistischGöttliche Kraft, SchutzBhramari Devi

Häufig gestellte Fragen

Wer waren die Melissai in der griechischen Religion?

Priesterinnen, die mit Göttinnen wie Demeter und Artemis assoziiert waren, ihr Name abgeleitet vom griechischen Wort für Biene.

Warum wählte Napoleon die Biene als kaiserliches Symbol?

Teils wegen ihrer Assoziation mit Fleiß und Ordnung, teils um eine beanspruchte historische Verbindung zum merowingischen König Childerich I. herzustellen und sich bewusst von der bourbonischen Lilie abzugrenzen.

Wann erschien “Die Bienenkönigin” erstmals?

1819, in der zweiten Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, als Nummer 62 der Sammlung.

Stammt das Märchen ursprünglich von den Brüdern Grimm selbst?

Nicht vollständig – es geht auf eine 1808 veröffentlichte Vorlage des nicht verwandten Albert Ludwig Grimm zurück und enthält ein “dankbare Tiere”-Motiv, das auch in persischen, ungarischen, niederländischen und jüdischen Erzähltraditionen vorkommt.

Was symbolisieren die drei Tiere im Märchen laut Bruno Bettelheim?

Nach Bettelheims psychoanalytischer Deutung stehen Ameisen, Enten und Bienen für die Elemente Erde, Wasser und Luft.

Gibt es Bienensymbolik auch außerhalb Europas?

Ja, unter anderem in der mormonisch-amerikanischen Deseret-Tradition (Utahs Staatssymbol) und in der hinduistischen Verehrung der Göttin Bhramari Devi.

FAQ

Wer waren die Melissai?

Griechische Bienenpriesterinnen, verbunden mit Demeter und Artemis.

Warum Napoleons Bienenemblem?

Fleiß-Symbolik plus beanspruchte Verbindung zu König Childerich I.

Wann erschien “Die Bienenkönigin”?

1819, zweite Auflage der Kinder- und Hausmärchen, KHM 62.

Original von den Brüdern Grimm?

Basiert auf einer 1808er Vorlage von Albert Ludwig Grimm.

Bettelheims Deutung der drei Tiere?

Ameisen, Enten, Bienen als Erde, Wasser, Luft.

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